Zum 10-jährigen Todestag von Prof. Dr. Stephan Rudas (27.05.1944 — 19.06.2010)

Heute vor 10 Jahren verstarb unser Gründer, Wegbereiter und Wegbegleiter, der große Psychiater und Wiener Psychiatriereformer, Prof. Dr. Stephan Rudas.

"Wenn ich wieder auf die Welt komme, werde ich erstens wieder Psychiater und zweitens wieder in Wien." — Das waren die letzten Worte seiner Rede bei seiner Verabschiedung als Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien (PSD-Wien) im Wiener Rathaus am 19. Jänner 2010. Es folgten minutenlange Standing Ovations…

"Die Seele ist ein unsichtbares Organ und wird übersehen, wenn man nicht über sie redet." (15.12.2001) — Prof. Rudas hat nicht nur über die Seele geredet, sondern für sie gelebt. Ohne ihn hätte es die Wiener Psychiatriereform und den PSD-Wien nicht gegeben: Gemeinsam mit dem damaligen Stadtrat für Gesundheit und Soziales Univ.-Prof. Dr. Alois Stacher (* 16. Februar 1925, † 20. Juli 2013) auf der strategischen Ebene und mit Prim. i.R. Dr. Michael Leodolter (* 23. Mai 1949, † 27 Mai 2020) auf der operativen Ebene revolutionierte Prof. Rudas die psychiatrische Versorgung in Wien. Diese gesundheits- und sozialpolitisch höchst bedeutsame Epoche veränderte die Lebensrealität chronisch psychisch kranker Menschen fundamental. Mit dem einstimmigen Beschluss des „Zielplans für die psychiatrische und psychosoziale Versorgung in Wien“ durch den Wiener Gemeinderat wurde im Jahr 1979 der Grundstein für eine weitreichende Veränderung der psychiatrischen Versorgungsstruktur gelegt. Das Öffnen der Türen der stationären Psychiatrie für die allermeisten Langzeithospitalisierten zu einem Leben in Freiheit, bei gleichzeitigem Aufbau ambulanter Strukturen, war zur damaligen Zeit einzigartig:

„Der vorliegende Zielplan zeigt den Weg zu einer derart umfassenden Veränderung der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung, wie sie in Wien noch nie stattgefunden hat. Es besteht kein Zweifel daran, dass die geplanten Umstrukturierungsmaßnahmen … auch den Einsatz engagierter Menschen notwendig machen. Das Zusammenwirken aller positiven Kräfte, aber auch die Motivation heute noch beiseite stehender Menschen … bieten die Garantie für die Durchführung der Reform.“ (aus dem Zielplan, S. 67)

Und genau diesen Einsatz engagierter Menschen, auch derer, die noch beiseite stehen, braucht es heute genauso wie damals für die Durchführung der Reform, die immer noch andauert. Denn eine Veränderung beizubehalten, ist meist ebenso schwierig, wie eine herbeizuführen, vor allem gesellschaftspolitisch so große Veränderungen wie die Psychiatriereform. Ihre Erfolge dürfen nicht vergessen lassen, dass Reformen jeden Tag aufs Neue gelebt, weiterentwickelt und, wenn nötig, verteidigt werden müssen.

Wir sind weiterhin Teil der so wichtigen „Normalisierungsphase“ der Psychiatriereform. Nach Prof. Rudas (1986:6) ist dies die „Anpassung des Ausmaßes der Veränderungen der psychiatrischen Versorgung und deren ‚Geschwindigkeit‘ an das Ausmaß der ‚Geschwindigkeit‘ der Veränderungen in korrespondierenden gesellschaftlichen und medizinischen Bereichen.“

Entsprechend dieser geforderten notwendigen „Anpassung“ lenkte Prof. Rudas als Chefarzt des PSD-Wien 3 Jahrzehnte die Geschicke des PSD-Wien (1980-2010). Die Inbetriebnahme des 1. Ambulatoriums in Wien-Floridsdorf im Jahr 1980 war der Beginn des Aufbaus eines breiten Netzwerks an ambulanten Einrichtungen für eine umfassende ambulante sozialpsychiatrische Grundversorgung flächendeckend für ganz Wien. In der letzten Dekade wurde die Dezentralisierung der stationären psychiatrischen Versorgung fortgesetzt, Infrastrukturen erneuert und die sogenannte bedarfs- und patientInnenorientierte „integrierte Versorgung“ von psychisch erkrankten Menschen weiterentwickelt.

Für die zukünftige psychische Gesundheitsversorgung in Wien wurde der neue Psychiatrische und Psychosomatische Versorgungsplan Wien (PPV) entwickelt — nach dem sozialpsychiatrischen Paradigma „ambulant vor stationär“ bzw. „draußen steuert drinnen“. Es geht um eine zukunftsfähige umfassende gemeinsame, integrierte und qualitätsgesicherte Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die sich sektoren- und kostenträgerübergreifend am Bedarf der PatientInnen orientiert, und das nicht nur in Wien…

Im Gedenken an Prof. Dr. Stephan Rudas kann unser Motto nur lauten — heute genauso wie vor 10 Jahren: Weitermachen! Weitermachen mit dem Reformprozess der Psychiatrie im Sinne von Integration und Entstigmatisierung.

"Psychische Erkrankungen sind genauso gut behandelbar wie organische Erkrankungen. Daher kann die Forderung nur lauten: ‘Weg mit den Vorurteilen.’“ (Prof. Rudas, 10.10.2008)

Dr. Georg Psota                                          Ewald Lochner, MA
Chefarzt                                                       Kaufmännischer Leiter
                                                                      Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen
                                                                      der Stadt Wien

 

Stephan-Rudas-Preis für fundierte Berichterstattung über psychische Erkrankungen

In Gedenken an Prof. Dr. Stephan Rudas verleihen der Wiener Gesundheitsverbund und die Psychosozialen Dienste in Wien seit 2017 den „Stephan-Rudas-Preis für fundierte Berichterstattung über psychische Erkrankungen“, mit dem JournalistInnen ausgezeichnet werden, die mit ihren Beiträgen den Blick für eine differenziertere Betrachtung psychischer Erkrankungen öffnen.

Zum Download: Folder Stephan-Rudas-Preis

Bisherige PreisträgerInnen:

2017: Wolfgang Wagner (APA)

2018: Ursula Theiretzbacher (ORF)

2019: Dietlind Hebestreit (Oberösterreichische Nachrichten) in der Kategorie Print / Online und Stefan Hauser (Radio Klassik Stephansdom) in der Kategorie Hörfunk / TV