Kinder- und Jugendpsychiatrie: Experten fordern mehr Ausbildungsplätze und Kassenstellen

Ein hochkarätiges Podium diskutierte im Rahmen der Kampagne #darüberredenwir, wie Kinder in schwierigen Situationen gut begleitet werden können.

Die Psychosozialen Dienste in Wien luden am Sonntag, den  1. März, im Rahmen der Kampagne #darüberredenwir zu einer Film-Matinée in das Filmhaus am Spittelberg. Im Anschluss an die Vorführung des Films „Systemsprenger“ der deutschen Regisseurin Nora Fingscheidt fand im vollbesetzten Kinosaal eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zum Thema „Was sprengt unsere Grenzen?“ statt, in deren Rahmen das Phänomen besonders herausfordernder Fallgeschichten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie diskutiert wurde.

Über die Grenzen und Möglichkeiten in diesem Bereich diskutierten: Univ.-Prof. Dr. Dr. Paul Plener, MHBA, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien, Dr. MSc. Vlasios Kappos, Facharzt für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am Krankenhaus Hietzing mit Neurologischen Zentrum Rosenhügel, Wolfgang Haydn, MA, Pädagogischer Leiter des Projektes Transition der Oasis Socialis GemGmbH, und Mag. Josef Hiebl, Leiter der Gruppe Recht der MA 11.

In der Begrüßung wies Ewald Lochner, Psychiatriekoordinator der Stadt Wien, auf das Ziel der Kampagne #darüberredenwir hin, die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte zu stellen. Denn erst wenn über psychische Erkrankungen gesprochen werde, könne der Weg der Behandlung beginnen. Der Film sei ein Ansporn für die Stadt, geeignete Lösungen für Careleaver, also junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens in öffentlicher Erziehung verbringen, zu finden.

Hiebl schilderte, dass diese Problematik den sozialpsychiatrischen Diskurs bereits seit über 100 Jahren bestimme. Die Kinder- und Jugendhilfe betreue 1.700 Kinder und Jugendliche, die nicht zuhause leben können und in familienähnlichen Wohngemeinschaften betreut werden. In Wien gebe es eine gute Kooperation zwischen den unterschiedlichen Einrichtungen und Gremien, die ermöglichen, dass multiprofessionelle Teams gezielt nach individuellen Lösungen suchen. Wichtig sei, für Kinder und Jugendliche einen stabilen Rahmen zu garantieren.

Auch Haydn betonte die Wichtigkeit des ständigen Austauschs unterschiedlicher Einrichtungen und ProfessionistInnen. Es brauche auch vermehrt spezialisierte Einrichtungen, die diese Multiprofessionalität bereits von vornherein in ihrem Konzept verankert haben, wie es etwa beim jüngst eröffneten Ambulatorium für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hietzing der Fall sei.

Für Kappos sind solche Ambulatorien unersetzlich, da eine Behandlung im niedergelassenen Bereich oft nicht ausreiche. Hier gebe es in Wien momentan einen Mangel. Es sei dies jedoch ein Bereich, der in den nächsten Jahren massiv ausgebaut werde. Im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie habe es in den letzten Jahren große Fortschritte gegeben, auch bei der Finanzierung habe eine deutliche Verbesserung stattgefunden. Die momentane Schwierigkeit liege darin, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden.

Grund dafür ist laut Kappos nicht fehlendes Interesse angehender MedizinerInnen, sondern die schwierige Ausbildungssituation. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie sei sogar eines der beliebtesten Ausbildungsfächer. In Österreich gebe es aber rechtliche Rahmenbedingungen, die beispielsweise vorschreiben, dass OberärztInnen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie nur jeweils eine weitere Person ausbilden dürfen. Das sei zu wenig und blockiere momentan massiv den Ausbau der Behandlungsplätze.

Auf die Personal-Problematik ging auch Plener näher ein. Das neu errichtete Krankenhaus Nord verfüge zwar über eine kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung mit 24 Betten, es mangele aber auch hier an ÄrztInnen. Ziehe man anstehende Pensionierungen und geplante Neu-Aufbauten ins Kalkül, so sei in den nächsten zehn Jahren ein Bedarf an etwa 100 zusätzlichen Kinder- und JugendpsychiaterInnen gegeben. Bis 2030 wolle die Stadt Wien insgesamt sechs kinder- und jugendpsychiatrische Ambulatorien errichten. Diese wichtige Initiative könne aber nur erfolgreich sein, wenn auch ausreichend FachärztInnen zur Verfügung stünden, gab Plener zu bedenken und verwies ebenso auf die rechtlichen Hürden bei der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen.

Plener machte darauf aufmerksam, dass es in Wien momentan nur sechs Kassenordinationen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt – laut Österreichischem Strukturplan Gesundheit müssten es 25 sein. Die ÖGK habe entschieden, nur zwei neue Stellen auszuschreiben und anschließend zu evaluieren, ob denn tatsächlich ein Mehrbedarf gegeben sei. „Davon kann man halten, was man will – ich habe dazu eine relativ dezidierte Meinung“, äußert sich Plener zum diesbezüglichen Konflikt zwischen der Stadt Wien und der ÖGK.